Virtueller Reiseführer Bolivien

Kriminalität in Bolivien

In den einschlägigen Reiseführer gibt es zahlreiche Hinweise zum leidigen Thema Kriminalität. Ich spare mir an dieser Stelle eine Wiederholung dieser Hinweise. Vielmehr möchte ich schildern, was ich selbst erlebt habe. Während der zwei jeweils sechsmonatigen Aufhalte haben wir (meine Frau bzw. ich allein oder wir zwei gemeinsam) insgesamt sechs Mal entsprechende Erfahrungen sammeln müssen. Fünf mal wurden wir bestohlen, ein Mal wurden wir Opfer eines bewaffneten Raubüberfalles. Vier dieser Zwischenfälle ereigneten sich in Bolivien, zwei in Peru. Zwischen diesen beiden Ländern scheint mir unter dem Aspekt Kriminalität / Sicherheit kein großer Unterschied zu bestehen.

1.Fall: Wir waren noch gar nicht ganz angekommen

Es war am zweiten Tag unseres Aufenthaltes in Lima. Für eine Wanderung durch die Berge wollten wir einige Lebensmittel einkaufen. Dazu hatten wir einen leeren Stadtrucksack mitgenommen. Dummerweise hatten wir beim Auspacken einen Fotoapparat übersehen. Gegen 18 Uhr waren wir in der Nähe des Supermarktes, in dem wir den Einkauf erledigen wollten. Um diese Tageszeit ist es in Lima bereits dunkel. In der Nähe des Supermarktes wurde das Gewimmel immer dichter. Scheinbar eilte die halbe Einwohnerschaft Limas zu diesem Supermarkt. Es herrschte allgemeines Gedränge. Dann spürte ich, dass irgendjemand dicht hinter mir war, hörte dann ein paar Rufe und sah beim Umdrehen eine Person im Gewimmel verschwinden. Die Seitentasche des Rucksacks war geöffnet, der Fotoapparat war verschwunden. Daher haben wir von der Wanderung durch das Tal und den Riesenbromelien dort keine Fotos.

2.Fall: Vorweihnachtliche Überraschung

Wir waren in La Paz, arbeiteten für ein Kinderheim. Am 23. Dezember waren Straßen, Plätze und Busse ständig voller Menschen, die dabei waren, ihre Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Meine Frau war mit einem Mädchen aus dem Kinderheim in einem Stadtbus, dichtes Gedränge. Plötzlich spürte meine Frau eine tastende Hand an ihrer Hosentasche. Angesichts des dichten Gedränges konnte sie aber nicht feststellen, von wo diese Hand kam und plötzlich war die Geldbörse, die sie in der Hosentasche hatte, verschwunden. Meine Frau machte sich lautstark Luft, woraufhin der Busfahrer, der gerade die Bustür zum Ein- und Ausstieg geöffnet hatte, die Tür wieder verschloss und meiner Frau riet, jeden Aussteigenden abtastend zu kontrollieren. In der Nähe des Busses erschienen schließlich einige Polizisten und plötzlich tauchte irgendwo her die Geldbörse wieder auf. Es fehlte Geld im Wert von umgerechnet 50 Euro (in Bolivien fast ein Monatslohn), aber es befand sich auch noch sehr viel Geld in der Geldbörse. Möglicherweise hatte der Dieb angenommen, dass meine Frau gar nicht oder zumindest nicht sofort bemerken würde, dass ein Teil des Geldes fehlt.

3.Fall: Vor der Busfahrt

Wir waren in Sucre auf dem Busbahnhof. Mit einem Nachtbus wollten wir nach Cochabamba fahren. Meine Frau war mit ihrer Zahnbürste losgezogen, um sich vor der Nachtfahrt noch einmal die Zähne zu putzen. Ich bewachte unsere zwei Rucksäcke. Auf einem Rucksack stand obendrauf die Waschtasche. Plötzlich stieß mich halb von links, halb von hinten, jemand an und als ich mich umwandte, sah ich einen Mann, der mir irgendeinen Werbezettel in die Hand drückte. Als ich wieder auf die Rucksäcke schaute, war die Kosmetiktasche obendrauf weg. Auch der Mann mit den Werbezetteln war wie vom Erdboden verschluckt, ein möglicher Komplize nirgendwo zu sehen.

4.Fall: Goldene Ohrringe

Meine Frau war zu Fuß zusammen mit einer Kollegin aus dem Kinderheim auf einer belebten Straße in El Alto unterwegs. Beide waren in ein Gespräch vertieft, als meine Frau spürte, dass ihr jemand auf den Rücken gesprungen war. Sie glaubte zunächst, dass es sich um einen Scherz von einem der kleinen Jungs aus dem Heim handeln würde, doch die Person, es war wirklich ein Kind, war schon wieder weg und die kleinen goldenen Ohrringe meiner Frau auch.

5.Fall: Teurer Marktbesuch

La Paz, ein Samstag. Ich wollte zum Markt und anschließend noch etwas fotografieren. Der Bus, der durch unser Wohnviertel fuhr, war nicht sehr voll aber die wenigen Sitzplätze waren alle besetzt. Dann bot mir eine Frau ihren Sitzplatz an, da sie ja gleich aussteigen wolle. Ich nahm dieses Angebot dankbar an, denn von einer vorherigen Krankheit fühlte ich mich noch etwas schlapp. Ich setzte mich neben einen jungen Mann, der sich vorher mit der Frau unterhalten hatte. Meinen Rucksack mit dem Fotoapparat drin hatte ich auf den Knien. Ich war mir der potentiellen Gefährdung des Wertgegenstandes sehr wohl bewusst. Ab und zu spürte ich etwas Druck von rechts, dann wieder von links. In den Stadtbussen ist es immer irgendwie eng und meist fördert der Fahrstil der Busfahrer den Körperkontakt. Dann hielt der Bus, die Frau, der junge Mann und weitere Personen stiegen aus. Als sich das Ein- und Ausstiegsgedränge gelegt hatte, schaute ich auf meinen Rucksack: ein langer Schnitt an der Seite, der Fotoapparat war verschwunden, die gerade ausgestiegenen Personen auch. Ich weiß bis heute nicht, wie das genau passiert ist.

Da ich bei diesem Fall auf eine Entschädigung durch die Versicherung hoffte, begab ich mich am darauf folgenden Tag zur Polizei. Für solche Fälle ist die Touristenpolizei zuständig. Die Aufnahme der Anzeige erfolgte anstandslos und ganz unkompliziert. Geld von der Versicherung gab es dann aber in Deutschland nicht, da es sich um einen "normalen" Diebstahl handelte.

6.Fall: Räuberpistolen am Pazifik

Wenige Tage vor unserem Rückflug von Lima nach Berlin hatten wir in Pisco, Peru, an der Pazifikküste halt gemacht. Wir waren am Strand und wollten eigentlich den Sonnenuntergang am Meer bewundern. Doch da wir nicht im Dunkeln die etwa 30-minütige Wegstrecken zurücklegen wollten, brachen wir doch früher auf. Der Weg führte uns durch die etwas weniger dicht bewohnten Teile der im Jahr 2007 durch ein Erdbeben stark zerstörten Stadt. Die Straße war menschenleer, doch plötzlich tauchten in der Nähe eine Kreuzung zwei junge Männer, beinahe Jungendliche auf. Sie steuerten direkt auf uns zu und plötzlich zogen sie Pistolen aus den Hemden und forderten unsere Rucksäcke. Ich fing sofort an zu schreien, doch einer der beiden riss beim Wegrennen den Rucksack meiner Frau mit sich. Die Zwei verschwanden in einer Seitenstraße, wo als Fluchtfahrzeug schon ein Dreiradtaxi bereitstand. Leider befanden sich unsere Reisepässe in dem Rucksack.

Bei diesem Zwischenfall saß der Schock besonders tief, denn noch nie zuvor hatte jemand eine (möglicherweise nicht funktionsfähige) Waffe auf mich gerichtet.

Da sich dies kurz vor unserem Rückflug ereignete, begaben wir uns natürlich sofort zu Polizei, wiederum die Touristenabteilung. Der Diensthabende war zwar etwas redselig, aber sehr nett. Das Protokoll war am nächsten morgen fertig. Für den Schaden aus dem Raubüberfall kam dann sogar die Versicherung auf.